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Erster Zug nach Hengersberg: Wunsch ging vor 90 Jahren in Erfüllung

Aus dem Lokalteil der 'Deggendorfer Zeitung' vom 23.06.2003

Bahneröffnung am 25. Juni 1913 - Schwierige Trassenführung nach Schwanenkirchen - Personenverkehr 1981 wieder eingestellt.

von Franz Fischer

Hengersberg:
Ein Meilenstein in der Geschichte des Marktes war die Eröffnung der Bahnstrecke Deggendorf - Hengersberg am 25. Juni 1913. Jetzt hatte man Anschluss an die große weite Welt. Aber schon der 65. Geburtstag (1978) der Bahnlinie war kein Grund zum Feiern mehr und 1981 wurde der Personenzugverkehr ganz eingestellt.
Der Wunsch nach einem eigenen Bahnanschluss reicht auf das Jahr 1895 zurück. Damals war der Bau einer Privatbahn durch die Aktiengesellschaft der Lokalbahn Deggendorf - Metten beabsichtigt. Nachdem die erforderlichen Kosten aber nicht aufgebracht werden konnten, wurde die Errichtung durch den Staat beantragt. Am 12. Dezember 1909 beantragten der Markt Hengersberg und die Stadt Deggendorf die Erbauung einer Bahnlinie, damit der "untere" Wald erschlossen werden könne. Der Bau sei im Interesse von Landwirtschaft, Gewerbe, Handel und Industrie unbedingt notwendig. Die Strecke sollte in Erwartung des künftigen Braunkohleabbaus bis nach Schwanenkirchen ausgedehnt werden.

Erschließung des "unteren" Waldes
Die Stadt Deggendorf war sehr auf die Verbesserung ihrer Verkehrsbeziehungen bedacht. Man betrieb den Bau einer Vollbahn von Deggendorf über Hengersberg nach Osterhofen - Eichendorf - Pfarrkirchen und Simbach/Inn. Auch der Markt Winzer wollte einen Bahnanschluss.
Die Trassenführung sollte von Hengersberg nach Süden bis dicht an Winzer heran und dann wieder nördlich weiter nach Iggensbach verlaufen. Nach langen, zähen Verhandlungen konnten die staatlichen Stellen endlich von der Rentabilität der künftigen Bahnstrecke überzeugt werden. Die Streckenführung stand fest. Sie sollte von Deggendorf ausgehend den "unteren" Wald durchqueren und dann in die untere Waldbahn (bei Kalteneck) einmünden. Einiges Kopfzerbrechen bereitete die ansteigende Trassenführung zwischen Hengersberg und Schwanenkirchen. Die Leistungsfähigkeit der damaligen Lokomotiven war noch nicht so groß, um größere Steigungen überwinden zu können. In Hengersberg war man sich wegen des Standortes des Bahnhofsgebäudes nicht ganz einig. Eine Interessensgruppe wollte den Bahnhof in Schwarzach haben (Nordumgehung), eine andere in der Verlängerung der Mangstraße. Schließlich einigte man sich auf die Frauenstraße (heute Bahnhofstraße).

Die Fahrt kostete 30 Pfennig
Am 18. Juni 1913 fand die technische Überprüfung statt. Die Probefahrt auf der 11,6 Kilometer langen Strecke ergab keine Beanstandungen. Kanonendonner verkündete am 25. Juni 1913 den Tag der Eröffnung der Bahnstrecke zwischen Deggendorf und Hengersberg. Der Markt hatte sein Festtagskleid angezogen und war gerüstet zur Feier. Die Häuser waren mit weiß-blauen Fahnen geschmückt. Die Kinder hatten schulfrei. Einer Völkerwanderung gleich kam die Bevölkerung zum Bahnhof, um bei der ersten Einfahrt des Zuges um dreiviertel Zwölf Uhr dabei zu sein. An die 600 Personen nahmen an der Eröffnungsfahrt teil. Festredner Hofrat Dr. Bauer dankte den am Bau beteiligten Firmen und gab der Hoffnung Ausdruck, dass die großen Erwartungen, die die Bevölkerung in die neue Bahn setzte, auch in Erfüllung gehen mögen. Mit einem "Hoch" auf den vielgeliebten Landesvater schloss Hofrat Dr. Bauer die Festrede.
Täglich verkehrten drei Zugpaare. Der Fahrpreis Deggendorf-Hengersberg betrug 30 Pfennige. Die Geburt der neuen Bahnlinie brachte den Tod der Postkutschenfahrten zwischen Hengersberg und Deggendorf.
Am 1. August 1914 wurde das letzte Teilstück zwischen Hengersberg und Eging dem Verkehr übergeben. Durch den Wegfall von Verbindungen und die Umstellung auf Busbetrieb wurde die Bahn immer unattraktiver. Der 65. Geburtstag (1978) der Bahnlinie war kein Grund zum Feiern mehr. Nach nur 68 Jahren, am 25. September 1981 um 18.54 Uhr (ab Deggendorf-Hbf), fuhr der letzte fahrplanmäßige Personenzug in Richtung Hengersberg - Eging. Während bei der Eröffnungsfahrt alles, was Rang und Namen hatte, dabei war, war bei der letzten Fahrt kein Landtagsabgeordneter, Bürgermeister oder sonstiger Politiker anwesend.

Das Hengersberger Bahnhofsgebäude wurde verkauft.

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