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Passau - München in 1:56 Stunden: Doch, das gab’s schon mal - vor genau 30 Jahren

Dieser Fahrzeiten-Vergleich spricht für sich:
In 30 Jahren wird die Bahn in Ostbayern nicht schneller, sondern langsamer.
Seien es die Anbindung an München, das Chemiedreieck oder die Nebenstrecken - bei der Bahn läuft vieles nicht rund.

Artikel aus der Deggendorfer Zeitung vom 15.09.2010


von Laurent Martinez

Manchmal ist eben sogar das scheinbar Unmögliche plötzlich doch möglich: Am 19. September 1980 reiste SPD-Kanzlerkandidat Helmut Schmidt zu einer Wahlkampfveranstaltung nach Passau - sein vierter Besuch in der Drei-Flüsse-Stadt, wie im Stadtarchiv sorgfältig verzeichnet ist -, um in der Nibelungenhalle gegen seinen CSUKonkurrenten Franz-Josef Strauß zu wettern. Die Bundestagswahl später ging zu seinen Gunsten aus, aber darum geht es hier nicht. Interessant ist: Um 17.45 Uhr, nach einer Kundgebung auf dem Marienplatz, fuhr er am Münchner Hauptbahnhof los, "um 19.41 Uhr langte der Sonderzug auf dem Bahnsteig 1 in Passau an", wie in der PNP vom 20./21. September 1980 zu lesen war. Macht genau 1 Stunde und 56 Minuten. "Eine so kurze Fahrzeit hätte vorher niemand für möglich gehalten. Der "Kanzler-Express" war der Beweis", erzählt Werner Kummer, Vorsitzender des Vereins der Passauer Eisenbahnfreunde. Vielen dämmerte da: Was für den Kanzler im Wahlkampf möglich war, sollte doch auch für Tausende von Bürgern möglich sein.
Es dauerte noch eine Weile, bis zum Fahrplanwechsel am 29. Mai 1983. Aber von da an fuhren die D 995, D 996, D 997 und D 998 jeden Tag zweimal in unter zwei Stunden von Passau über Vilshofen, Osterhofen, Plattling, Landau/Isar, Dingolfing und Landshut nach München und zurück.

Nadelöhr zwischen Freising und München


Die Verbindung war überaus beliebt, zumal die A92 Deggendorf - München erst 1988 fertig wurde. Aber für Passau war der D-Zug schnell abgefahren: Nach einigen Jahren wurde die weniger als 200 Kilometer lange Strecke von der Fern- zur Nahverkehrsverbindung herabgestuft, erzählt Kummer. Ab da ging’s wieder gemütlicher zu.
2 Stunden 40 Minuten - das war bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2009 eine ganz gängige Verbindung nach München. Von "deutlichen Verbesserungen" und "wesentlich kürzeren Fahrzeiten" sprach die Bahn folglich bei der Vorstellung des aktuellen Fahrplans. Aber von Passau nach München braucht man laut Bahn immer noch durchschnittlich 2 Stunden 13 Minuten. Der schnellste Zug braucht laut Plan 2 Stunden 9 Minuten - wenn er ohne Verspätung durchkommt.
Und genau hier liegt das Problem, denn die Bahntrasse ist dem heutigen Verkehrsaufkommen nicht gewachsen. Ein Problem ist, dass die Strecke zwischen Plattling und Landshut nur eingleisig ausgebaut ist, immer wieder müssen Züge an Ausweichstellen warten, damit Gegenverkehr passieren kann. Noch schwerwiegender aber ist, dass sich Regionalzüge, Güterverkehr und S-Bahn von Freising bis zum Hauptbahnhof München ein Gleis teilen. Der Bahn ist das Problem bekannt: Die Strecke weise insgesamt "nicht die gewünschte Betriebsqualität auf", heißt es dort.
Die Holpereien auf der Strecke Passau - München ärgern täglich viele Pendler und veranlassten jetzt auch den Auftraggeber der Verbindung, die Bayerische Eisenbahngesellschaft, die Bahn öffentlich zu rügen - aber sie sind durchaus nicht die einzigen Probleme. Vom schlechten Ausbauzustand der Waldbahn, über die Anbindung von Flughafen und Chemiedreieck, langsame Züge auf der Rottalbahn und nicht behindertengerechte Bahnhöfe - es hakt an vielen Stellen.
Bayerns Vize-Ministerpräsident und Verkehrsminister Martin Zeil (FDP) räumt unumwunden ein: "An einigen Stellen muss die Infrastruktur noch deutlich verbessert werden. Der Bund muss sich mehr als bisher zu Neu- und Ausbau des Schienennetzes bekennen und die Budgets erhöhen. Dafür setze ich mich mit Nachdruck ein." Im Bereich der Zuständigkeit des Freistaats seien aber schon jetzt "erhebliche Verbesserungen" in Ostbayern umgesetzt worden.

Als der Orientexpress noch durch Simbach fuhr


Auch Andreas Scheuer, seit vergangenem Jahr Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, sieht Nachholbedarf. Aber er sieht Bewegung: "In den letzten 10 Monaten ist für die Infrastruktur Ostbayerns viel passiert. Wichtige Projekte sind in Vorbereitung und Planung. Aber so etwas realisiert man nicht in Wochen oder ein paar Monaten." Die neuen Züge auf der Strecke Passau - München sowie der neue Takt seien ein Fortschritt, einen "enormen Effizienzschub" habe es bei der ICE-Verbindung Passau - Wien gegeben, zudem existierten nun mehr Fernverbindungen. Zum Fahrtzeit-Problem Passau - München sagt Scheuer: "Die Forderung nach einem zweigleisigen Ausbau zwischen Plattling und Landshut ist richtig." Zuständig ist aber der Freistaat.
Trotz der Verbesserungen: Wenn Bahnfreund Werner Kummer vom Bahnstandort Passau spricht, dann schwingt Wehmut mit. Passau war einmal größter Wagenumschlagbahnhof zu Österreich. Über tausend Güterwaggons wurden früher hier zusammengestellt und abgefertigt. Mehrere hundert Menschen arbeiteten damals in Passau für die Bahn. Heute streng genommen niemand, denn Passau ist keine eigene Dienststelle mehr. Früher gab es einmal Pläne, die Verbindung München - Prag über Bayerisch Eisenstein zu leiten. Heute fahren die Züge über die (längere) Route Regensburg und Furth. Auch die Verbindung München - Wien macht einen Bogen um Ostbayern und biegt nach Salzburg ab, statt über Simbach am Inn (immerhin einmal Haltebahnhof des berühmten Orientexpresses) zu fahren. Wer von Passau nach Budweis reist (135 Straßenkilometer) wird über Linz gelotst - und braucht mehr als vier Stunden. Dabei gab es einmal die direkte Verbindung über Waldkirchen; nur wurden hier nach dem Krieg die Gleise abmontiert. Mit dem Projekt Ilztalbahn soll die Strecke Passau - Freyung, zumindest touristisch, wieder in Betrieb genommen werden, doch der Erfolg des Projekts ist keineswegs gesichert.
Zugegeben, es erfordert gewaltige Investitionen, neue Streckenführungen einzurichten oder zu reaktivieren. Aber vielleicht sollte die traditionsreiche Bahn den Spruch, mit dem ein japanischer Autobauer wirbt, erst recht für sich in Anspruch nehmen: Nichts ist unmöglich.

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